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26. Januar 2007. Analysen: Pakistan - Natur & Umwelt Unverantwortliche Megaprojekte

In Pakistan sollen in den nächsten zehn Jahren fünf Großstaudämme gebaut werden, wenn es nach dem Willen der Regierung geht. Sie sagt, nur so seien zentrale Entwicklungsprobleme des Landes zu lösen. Die Weltbank unterstützt den Kurs, obwohl Armutsbekämpfung und Ressourcenschutz unberücksichtigt bleiben.

"Die Behörden geben uns kein Geld mehr, um die Schule zu renovieren." Acht Männer diskutieren im Haus eines Gemeinderats in einem kleinen Ort in Punjab. Sie glauben zu wissen, warum immer weniger Geld für die Instandhaltung der dörflichen Infrastruktur zur Verfügung steht. "Der Kalabagh Stausee wird unser Dorf und alle Felder in der Umgebung überfluten. Deshalb gibt uns die Regierung kein Geld mehr."

Großstaudämme haben seit Kurzem wieder Hochkonjunktur in Pakistan. Die Regierung hat Jahrzehnte alte Projekte aus der Schublade geholt. Das größte Projekt, der Kalabagh-Staudamm, soll 80 Meter hoch und dreieinhalb Kilometer lang werden, 3.600 Megawatt Strom produzieren und zwölf Milliarden Dollar kosten. 120.000 Menschen müssten dafür umgesiedelt werden.

Die Regierung sieht im Bau von Talsperren am Indus die einzige Antwort auf die zentralen Entwicklungsprobleme des Landes: Ernährungssicherheit, ländliche Entwicklung und steigender Elektrizitäts- und Wasserbedarf. Dabei muten ihre Pläne in ihrem blinden Vertrauen auf Großprojekte und in ihrer Missachtung von Ressourcenschutz und Armutsbekämpfung nicht nur anachronistisch an, sondern sie schreiben auch eine bedenkliche Entwicklung fort. Pakistans Wasserpolitik hat den Zugang zu Wasser stets ungleich und unfair geregelt. Das Ökosystem des Indus wird belastet, der Grundwasserspiegel sinkt rapide.

Dass die Regierung sich auf alte Pläne für Großprojekte besinnt, hält Naeem Iqbal von der pakistanischen NGO Sungi Development Foundation für ein Zeichen ihrer Schwäche. "Musharraf ist sowohl innenpolitisch wie auch außenpolitisch geschwächt. Deshalb setzt er auf prestigeträchtigen Großprojekte um sich als Mann der Tat mit klaren Visionen für die Zukunft des Landes zu präsentieren." Ohne Zweifel ist Zugang zu Wasser für Pakistans Bevölkerung außerordentlich wichtig. Agrarproduktion stellt für die meisten Menschen die Lebensgrundlage dar, dieser Sektor trägt auch den größten Teil zu den Exporten des Landes bei. Um wasserarme Gebiete zu versorgen und zudem den Bedarf intensiver Landwirtschaft, vor allem in Punjab, zu decken, wurden in der Vergangenheit riesige Staubecken und kilometerlange Kanäle gebaut, die Indus-Wasser auf Felder leiten. Dabei wurde nicht nach gerechtem Zugang für alle Bevölkerungsgruppen oder gar Ressourcenschutz gefragt. Die Politik begünstigte die einflussreichen Gesellschaftsschichten und die Provinz Punjab.

Besonders gelitten hat das Ökosystem des Indus-Deltas in der südlichen Provinz Sindh. Die Ableitung von Flusswasser auf die Felder Punjabs und der Zufluss von verschmutztem Abwasser aus der Landwirtschaft haben es irreparabel zerstört. 30 Kilometer weit fließt salziges Meerwasser den Fluss hoch, und über die maroden Abwasserkanäle schwappt das verschmutzte Düngewasser auf die Felder. Der Indus führt - unter anderem wegen der Großdämme Mangla und Tarbela - zu wenig Wasser, um den Salzwassereinfluss an der Mündung zu stoppen. Er hat zudem auch zu wenig Sedimente, um das fragile Ökosystem intakt zu halten. Die Meereswellen erodieren Deltaland. Im Grundwasser steigt der Salzanteil, es wird für Ackerbau und Viehzucht unbrauchbar.

Die Rolle der Weltbank

Die pakistanische Regierung hat ihre Strategien für den Wassersektor in enger Zusammenarbeit mit der Weltbank formuliert. Letztere hat den Indus-Wasservertrag zwischen Indien und Pakistan vermittelt, der die entscheidende planerische Grundlage für die Bewässerungslandwirtschaft in Pakistan darstellt. Die Weltbank hat zudem einen Großteil der nötigen Kosten für den Bau der Staudämme und Kanäle finanziert.

Im Juli 2006 hat das Inspection Panel, die unabhängige Beschwerdeeinrichtung der Weltbank, einen Bericht über ein von der Weltbank mitfinanziertes Wasserprojekt, das National Drainage Program (NDP), fertig gestellt. Der Bericht diskutiert neben diesem Projekt auch die Auswirkungen der Gesamtheit der von der Weltbank in den letzten Jahrzehnten finanzierten Wasserinfrastrukturprojekte auf den Süden Pakistans.

Der Inspection Panel Bericht stellt fest, dass die Weltbank bei der Planung und Umsetzung des NDP Projekts sechs ihrer zentralen Umwelt-und Sozialstandards verletzt hat. Laut Bericht hat die Missachtung der Standards zu der Zerstörung des Ökosystems in Südpakistan, in der Provinz Sindh, geführt. Das Projekt, und die vorangegangenen Weltbankwasserprojekte, haben laut dem Inspection Panel Bericht auch zu der teilweisen Zerstörung und breiten Gefährdung der Lebensgrundlage der dort lebenden Bevölkerung geführt. Die Auswirkungen der Projekte auf die Bevölkerung in Sindh sind so schwerwiegend, dass die Menschen gezwungen sein könnten, ihr Land zu verlassen. Das Risiko, das die Menschen aufgrund der fehlgeschlagenen Weltbankprojekte zu Ökoflüchtlingen werden, ist groß.

Das Management der Weltbank hat Ende Oktober 2006 mit einem äußerst dürftigen Aktionsplan auf die Ergebnisse der Untersuchung des Inspection Panels reagiert. Der Aktionsplan beinhaltet keinerlei Entschädigung für die betroffene Bevölkerung und keine Maßnahmen zur Regeneration des Ökosystems in Sindh.

Neben dem Aktionsplan, der hauptsächlich weitere Studien vorschlägt, kündigt die Weltbank in der neuen Länderstrategie für Pakistan außerdem an, ihre Entwicklungshilfe für Pakistan in den nächsten drei Jahren zu verdreifachen und ihre Ausgaben für den Wassersektor in Pakistan sogar zu verzehnfachen.

Die neue Länderstrategie der Weltbank für Pakistan versagt jedoch an zentralen Stellen. Teile der Strategie könnten Armut und Ungerechtigkeit sogar noch verschärfen. So geht es unter anderem darum, ein System der Wasserzugangsrechte einzuführen, damit Wasser wie eine Ware ge- und verkauft werden kann. Wie das zu Armutsbekämpfung beitragen kann, ist unklar, klar ist allerdings, dass die nötigen Wasserressourcen von Großstaudämmen am Indus stammen sollen. Mehrere hundert Millionen Dollar stellt die Weltbank in der Länderstrategie für derartige staatliche Infrastrukturprojekte in Aussicht.

Das ist äußerst bedenklich. Während sich die Weltbank weigert, die Betroffenen ihrer fehlgeschlagenen Projekte zu entschädigen, sagt sie eine Aufstockung der Mittel für eine Strategie zu, die aus den Fehlern der Vergangenheit nichts gelernt hat und Fragen der Armutsbekämpfung, der sozialen Ungleichverteilung und der ökologischen Nachhaltigkeit missachtet.

Während Millionen für den Bau von neuen Staudämmen und weiteren Infrastrukturprojekten in Punjab ausgegeben werden sollen, erhalten die Menschen in den betroffenen Regionen in Südpakistan keinerlei Entschädigung von der Weltbank für die gravierenden Auswirkungen vergangener Projekte.

Den Glauben an "bessere" Weltbank-Projekte haben viele Gruppen in Pakistan aufgegeben und setzen deshalb auf eine engere Zusammenarbeit untereinander. In dem kleinen Ort in Punjab, den der geplante Kalabagh-Stausee schlucken würde, wollen die acht Männer im Gemeinderat ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen. Sie beraten sich mit dem Vertreter einer regierungsunabhängigen Organisation aus Islamabad.

"Unsere Häuser sind in gutem Zustand und unsere Felder geben genug für unseren Lebensunterhalt her. Wir möchten das nicht aufgeben", sagt einer von ihnen. Doch die Regierung hat bei vorherigen Staudammbauten die Rechte der betroffenen Bevölkerung nur unzureichend beachtet. Umsiedlung und Entschädigung sind immer äußerst problematisch verlaufen.

Der NGO-Vertreter schlägt daher ein Treffen mit Betroffenen vom Tarbela-Staudamm vor, die eine Kampagne für eine angemessene Entschädigung gestartet haben. Das ist immerhin ein erster Schritt der Vernetzung, um Erfahrungen innerhalb der Zivilgesellschaft auszutauschen.

 

Quelle: Der Artikel erschien im Orginal in: E+Z Zeitschrift für Entwicklung und Zusammenarbeit 1/2007.

Quellen

  • World Bank, November 2005: Pakistan's Water Economy: Running Dry
  • World Bank, Februar 2006: Pakistan: Country Assistance Evaluation
  • World Bank, April 2006: Pakistan: Country Assistance Strategy
  • World Bank, The Inspection Panel, July 2006: Investigation Report: Pakistan National Drainage Program Project
  • World Bank, Management Response, November 2006: Elaboration of the Short Term Action Plan

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