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27. November 2007. Kommentare: Bangladesch - Natur & Umwelt Der Zyklon Sidr

Vom Ausnahmezustand als Normalzustand – und ein Aufruf zur Mithilfe

Zehn Tage nach dem tropischen Wirbelsturm Sidr hat man in der Hauptstadt von Bangladesch das Gefühl, es sei nichts geschehen. Sozusagen die Ruhe nach dem Sturm. Zwar sind sämtliche Zeitungen und Nachrichtensendungen voll von den Berichten über die Opfer von Sidr sowie den vielfältigen Sofortmaßnahmen, aber in der Megacity Dhaka geht das Leben wie gewohnt weiter. Auch die landesweiten Hilfsaktionen scheinen zu laufen, als ob diese ganz alltäglich sein. Dass die derzeitige Häufigkeit an Naturkatastrophen so natürlich nicht mehr ist, und selbst ein optimales Frühwarnsystem nicht bei den Ursachen des Problems ansetzt, wird nur nebenbei diskutiert.

Dhaka. Lediglich 370 Tote seien zu beklagen, hieß es anfänglich am ersten Tag nach Ausbruch des Wirbelsturms Sidr am 15. November 2007. Also habe das Frühwarnsystem gut funktioniert. Zu diesem Zeitpunkt war es allerdings noch schwer, Nachrichten zu empfangen, da der 24-stündige Stromausfall nicht nur das Internet, sondern auch Fernseher, Radio und Zeitungsdruckereien lahmlegte. Also konnte man nur über Handy und persönliche Gespräche erfahren, was im Land passierte. Zum Beispiel bei einem Bekannten, der von seiner Hausangestellten erfuhr, wie es ihrer Familie im Südwesten ergangen ist. Alle konnten sich rechtzeitig in Sicherheit bringen, erzählt die junge Frau erleichtert, lediglich das Haus sei weggefegt.

Sidr auf Cover des Daily Star
Grafiken auf dem Cover der Zeitung Daily Star zeigen, wie der Zyklon auf die Küste Bangladeschs traf. Foto: Benjamin Etzold

Eine andere Geschichte dagegen ist umso tragischer: Ein Student aus Dhaka erzählt, dass er seine gesamte im Südwesten lebende Familie verloren habe. Gesamte Familie heißt in seinem Fall nicht nur Eltern und Geschwister, sondern alle elf Familienmitglieder, die im selben Wohnkomplex des Dorfes zusammengewohnt haben. Dicht am Meer sind sie von einer Flutwelle mitgerissen worden, die der Wirbelsturm verursacht hat. Zwar hatten auch sie eine Warnung erhalten, jedoch ihr Hab und Gut nicht verlassen wollen. Diejenigen, die von einer der Küste vorgelagerten Inseln (Talpatti lsland) nicht rechtzeitig aufs Festland geflohen sind, sind fast alle vom Sturm hinweggefegt worden. Bilder von Leichen in den Bäumen brennen sich ein.

Sturmvorbereitungen

Eigentlich wurde frühzeitig, also fast anderthalb Tage, vor dem tropischen Wirbelsturm gewarnt. Sogar auf vielfachem Wege. Neben Fernseher, Zeitungen und Internet auch über Megaphone von den Moscheen. Selbst per SMS wurde eine Regierungswarnung am Abend um neun Uhr versendet. Man solle umgehend die nächstgelegene Schutzunterkunft aufsuchen, hieß es darin.

Zerstörte Hütte im Distrikt Madaripur
Durch Sidr zerstörte Hütte im Distrikt Madaripur am südlichen Rand der Dhaka Division. Foto: Markus Keck

Dem Frühwarnsystem kann lediglich vorgeworfen werden, dass die Warnungen zu früh ausgerufen wurden. Dadurch sind viele Menschen nach Einbruch des ersten starken Regens aber noch weit vor Ausbruch des Wirbelsturms wieder in ihre Siedlungen zurückgekehrt – in der Annahme, dass nun das Schlimmste vorbei sei. Außerdem gäbe es ständig solche Warnungen, sodass man diese nicht ernst genug genommen habe. Generell gibt es ohnehin zu wenige Notunterkünfte. Mindestens 3.000 Schutzgebäude würden nach Aussagen der bengalischen Zeitung Daily Star fehlen. Wenn sich bis zu 2.000 Menschen in eine Unterkunft hineindrängen müssen, gäbe es zudem Probleme für die elementaren Grundbedürfnisse der Frauen, berichtet ein Journalist der Deutschen Welle. Und für das Vieh ist sowieso kein Platz vorgesehen. Dieses aber unbeaufsichtigt zurückzulassen, bedeutet eine totale Existenzgefährdung, denn schließlich bilden Hühner, Ziegen und Kühe die Grundlage der eigenen Ernährung und des kleinbäuerlichen Einkommens. Für einen Fehlalarm lässt man also ungern Hab und Gut zurück. In der Vergangenheit wurde zudem häufig von Plünderungen berichtet. Insgesamt ist das Frühwarnsystem und die Vorbereitung auf Sidr um ein Vielfaches besser gewesen als beim großen Wirbelsturm von 1991, bei dem fast 140.000 Menschen ums Leben kamen.

Zehn Tage nach dem Sturm

Verwüstungen durch Sidr
Mit Windgeschwindigkeiten von bis zu 250 Km/h traf der Zyklon Sidr auf die Küstenregionen Bangladeschs und hinterließ schwerste Verwüstungen. Foto: NETZ e.V. / Zia Islam

Nach offiziellen Angaben stieg die Zahl der Toten eine gute Woche nach dem Sturm auf über 3.000 Menschen (Daily Star, 24.11.07). Da die Anzahl der Vermissten mit über 2.000 noch sehr hoch ist und viele Menschen gar nicht offiziell gemeldet sind, wird die tatsächliche Todesopferzahl auf bis zu 10.000 Menschen geschätzt. Insgesamt leiden laut Medienberichten inzwischen über drei Millionen in 22 Distrikten an den Folgen von Sidr. Sie haben entweder ihr ganzes Haus verloren, dieses wurde stark zerstört oder es wurde geplündert. Zudem leiden Abertausende unter den Folgen der Trinkwasser- und Nahrungsmittelknappheit. Über 20.000 Acre (8.000 Hektar) Land seien vernichtet, ganz zu schweigen von dem Verlust von über 240.000 Nutztieren.

Seuchen wie Cholera treten wegen des akuten Trinkwassermangels auf. Erste Durchfalltote sind zu beklagen. Vor allem der einbrechende Winter macht den vielen Obdachlosen zu schaffen, die meist auch ihre ganze Kleidung verloren haben.

Megacity im Dunkeln

In der 14 Millionen-Stadt Dhaka sind fast alle Einwohner ungeschoren davon gekommen. Die besagte Nacht war zwar stürmisch: Umgeknickte Strommasten, durchtrennte Leitungen, umgestürzte Bäume und Äste sowie zerbrochene Fensterscheiben auf den Straßen zeugten von der Intensität des Sturmes. Mit bis zu 240 Stundenkilometern übertraf er in den am stärksten betroffenen Gebieten die Geschwindigkeit des Tropensturmes Kathrina. Die Beeinträchtigungen in Dhaka waren dennoch vergleichsweise minimal. Durch die massiven Zerstörungen im gesamten Stromnetz, zeigte sich die Anfälligkeit und Abhängigkeit der Riesenstadt von diesem modernen aber so selbstverständlichen Energiefluss. Nach einem solch langen Stromausfall haben selbst die besten Generatoren ihre Funktion aufgegeben.

Umgestürzter Baum vor BSMMU-Einfahrt
Ein umgestürzter Baum blockiert die Einfahrt zum Hospital der Bangabandhu Sheikh Mujib Medical University (BSMMU) in Dhaka. Foto: Antje Schultheis

So konnten beispielsweise die Wasserpumpen für das öffentliche Leitungswasser nicht mehr betrieben werden. Für Privilegierte kein Thema, weil sich diese ohnehin ihr Trinkwasser kaufen und das Leitungswasser ersatzweise aus der hauseigenen Zisterne kommt. Für die Ärmeren bedeutete dies schwerwiegendere Probleme, vor allem erheblich mehr Arbeitsaufwand und eine nagende Sorge ob der Ungewissheit, wann die Strom- und Wasserversorgung wieder funktionieren wird. Im Dunkeln saßen aber alle und es war nur eine Frage des Kerzenvorrats und der gestiegenen Kerzenpreise, ob man der fast 14-stündigen winterlichen Dunkelheit etwas entgegensetzen konnte.

Insgesamt erschien am ersten Post-Sidr-Tag in Dhaka alles sehr unaufgeregt: Die Leute gingen ihrem gewohnten Tagwerk nach. Die Straßen waren verstopft wie eh und je – trotz vorübergehend geschlossener Tankstellen wegen des Stromausfalls. Nach den ersten Erkundigungen, ob alle direkt Bekannten wohlauf sein, wird erstaunlich wenig über den Sturm gesprochen. Das kann natürlich eine subjektive Wahrnehmung sein, weil für umfassendere Gespräche über den Sidr die Banglakenntnisse noch besser sein müssten. Dennoch erfährt man über Rikscha- und Taxifahrer, Straßenstände und alle Bekannten, wie es ihren Familien ergangen ist und derzeit geht. Viele hatten Glück. Die anderen verdrängen das Thema und konzentrieren sich auf das Naheliegendste im Alltag. Das Leben muss weiter gehen. Schließlich ist ja auch schon seit Januar politischer Ausnahmezustand. Die Studentenproteste vom vergangenen August sind kaum mehr öffentliches Thema, obwohl immer noch drei Dekane im Gefängnis sitzen.

Hilfe von überall

Benefiz-Filmfestival nach Sidr
Plakat für ein Benefiz-Filmfestival nach Sidr in Dhaka. Foto: Harald Sterly

Eine beispiellose Hilfswelle ist angerollt: national und international. Noch bevor die Sturmschäden ermittelt werden konnten, rufen deutsche Ministerien bei der deutschen NGO NETZ e.V. Partnerschaft für Entwicklung und Gerechtigkeit in Bangladesch an, um Hilfsgelder zu überweisen. NETZ will aber zu diesem Zeitpunkt erst mal die Lage erkunden, bevor das telefonische Hilfsangebot angenommen wird. Diese Sorgfalt tut Not, denn wahllos irgendwo hin Geld auszuschütten, verschärft nur die korrupten Strukturen. Bei den Ärmsten und von Informationen abgeschnittenen würde vergleichsweise wenig an Geld oder anderen Hilfsmitteln ankommen. Wichtig sind natürlich die humanitären Sofortmaßnahmen. Diese schienen im Vorfeld schon gut durchdacht zu sein, denn die Evakuierten bekamen auch gleich Decken gegen die Kälte, die der Sturm mit sich brachte.

Allein vom Roten Kreuz und Roten Halbmond sind 30.000 Freiwillige in den betroffenen Gebieten unterwegs. Das Welternährungsprogramm hat eine flächendeckende Soforthilfe angekündigt. UNICEF und weitere humanitäre Organisationen sind bereits aktiv.

Insgesamt sind es über 550 Millionen US-Dollar, die von internationaler Seite zugesagt sind. Auch die Europäische Union sagt wirtschaftliche Wiederaufbaumaßnahmen für die Shrimpsfarmer zu. Ein Großteil des europäischen Shrimpsbedarfs kommt schließlich aus Bangladesch. Wenn dieser Warenstrom abreißt, ist dies für beide Seiten deutlich spürbar – wenn auch in ungleichem Maße. Während die europäischen Kunden unter einer Preissteigerung leiden könnten, haben viele Fischfarmer ihre komplette Existenz verloren.

Zeitungsanzeige für SMS-Hilfsaktion
Über Zeitungsannoncen werden Handybenutzer in Bangladesch aufgefordert per SMS Geld zu spenden. Foto: Benjamin Etzold

National ist ebenfalls Solidarität zu erleben. Die Dhaka Universität entsendet Hilfskonvois und legt allen Mitarbeitern nahe, einen Tag ihres Gehaltes zu spenden. Studenten reisen auf eigene Faust als Freiwillige in die betroffenen Gebiete. Banken und Mobilfunkanbieter stellen Geld bereit. Die Handyfirmen bieten niederschwellige Spendenaktionen an, indem sie bei einer mit "Help" betitelten SMS an die Mobilfunknummer 1010 in Bangladesch zehn Taka an den Sturmopferhilfsfond zahlen. An den Straßen gibt es Kleidersammelstellen für diejenigen, die selbst ihr letztes Hemd verloren haben.

Die Regierung erteilt an betroffene und überlebende Fischer Überbrückungsdarlehen in Höhe von 130 Millionen Taka. Von Ingo Ritz, dem Geschäftsführer von NETZ erfahre ich erste Eindrücke von den humanitären Hilfsaktionen. Die erste Soforthilfe wird ohne große Bürokratie abgewickelt, doch bei den umfangreicheren Hilfsangeboten müssen die Betroffenen ihre Bedürftigkeit entsprechend bestimmter Kriterien nachweisen. Diese hört sich absurd an, ist aber nachvollziehbar, wenn man mitbekommt, wie nachrangig die Bedürfnisse von beispielsweise alleinlebenden Frauen und alleinerziehenden Müttern im bengalischen Gesellschaftssystem behandelt werden.

Zwischen Verwundbarkeit und anderen Wunderlichkeiten

Erneut sind wieder die Ärmsten der Armen in ländlichen Regionen betroffen. Sie sind die Verwundbarsten. Auch von Seuchen sind am ehesten diejenigen betroffen, die sich den Kauf oder die Aufbereitung von Wasser nicht leisten können. Sie verlieren sicher nicht zum ersten Mal ihr Hab und Gut, sondern leben seit dem letzten Sturm und oder der letzten Überschwemmung in provisorischen Hütten, die sie immer wieder aufstellen. Das ist die Aufstehmentalität und Widerstandsfähigkeit der Bangladeschis, die auch nach den größten Verlusten ohne viel Klagen wieder von vorne anfangen.

In Dhaka werden die vielen Obdachlosen sicher noch weiteren Zuwachs erfahren. Diese Megacity ist wie ein riesiger Magnet für alle, die auf dem Land gestrandet sind und in der Stadt nicht mehr viel weiter sinken können. Gleichzeitig hoffen diese auf einen der Gelegenheits- oder Billigjobs in der Textilbranche, als Rikschafahrer oder Teeverkäufer.

Die Reichen und Schönen dagegen fluchen verärgert über den Stromausfall, die häufige Dunkelheit, dass die Playstation ihrer Kinder nicht geht und ihr Zweitauto wegen der vorrübergehend geschlossenen Tankstellen nicht fährt. Für die Industrie bedeutet der fortwährend häufige Stromausfall einen ernstzunehmenden Kostenanstieg und Produktionsausfälle.

Die Liebespärchen dagegen freuen sich, denn diese können sich nun bei dem häufigen Stromausfall abends im Mondschein und Sternenschimmer ungesehen von der Öffentlichkeit ihrer – eigentlich unerlaubten – Zweisamkeit widmen.

 

 

Helfen Sie den Opfern des Zyklons Sidr in Bangladesch

Unser Spendentipp: NETZ e.V. – Partnerschaft für Entwicklung und Gerechtigkeit

Familie in Trümmern
Über eine Million Häuser sind zerstört. Die ärmsten Familien sind auf Hilfe angewiesen. Foto: NETZ e.V.

NETZ versorgt die Menschen in Bangladesch in vielen Bereichen: Die Helfer bringen Reis, Linsen, Speiseöl, Salz und Kindernahrung in abgelegene Gebiete. Vor allem stillende Mütter und Kinder erhalten die Notrationen. Ärzteteams leisten medizinische Hilfe. Neben der Nothilfe unterstützt NETZ benachteiligte Menschen, ihre Armut nachhaltig zu überwinden und ihre Menschenrechte in den Dörfern durchzusetzen. Das Deutsche Zentralinstitut für soziale Fragen/ DZI, der deutsche "Spenden-TÜV", hat NETZ das Spenden-Siegel verliehen (dieses Siegel steht für einen sorgsamen Umgang mit den ihnen anvertrauten Spenden.)

Spenden Sie per Online-Formular oder per herkömmlicher Banküberweisung an:

NETZ e.V. Partnerschaft Bangladesch
Bankleitzahl 51560231 (Volksbank Wetzlar-Weilburg)
Kontonummer 1077880

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